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Wozu dient die “psychotherapeutische Sprechstunde”?

Gesprochen haben Psychotherapeuten ja schon immer. Diese neue Leistung der gesetzlichen Krankenkassen dient der Beratung – nicht der Behandlung. Sie soll eine Orientierung geben, welche Hilfen für den Ratsuchenden in Frage kommen. Danach sollten Sie wissen, ob bei Ihnen eine Indikation zu einer Psychotherapie besteht oder ob beispielsweise das Aufsuchen einer Beratungsstelle (hier würden Sie erneut beraten aber auch kurzfristig begleitet) ausreichen könnte oder aber eine stationäre Behandlung empfehlenswert ist. Diese Einschätzung ist durchaus subjektiv und sollte mit Ihnen gemeinsam  entwickelt werden. Sie können auch mehrere Therapeuten beratend in Anspruch nehmen.

Diese Leistung, die Ihre Krankenversicherung zusätzlich Geld kostet, soll die Versorgung psychisch Kranker verbessern. Indem Sie sich über die zur Verfügung stehenden helfenden Institutionen informieren und beraten lassen. Das ist gut. Die Sprechstunde soll aber auch die Wartezeiten auf einen Psychotherapieplatz verkürzen. Versprochen wird gesetzlich ein Termin innerhalb von vier Wochen, was bei jedem anderen Facharzt zeitnah mit einer Behandlung verbunden sein sollte. Nicht versprochen ist damit aber eine psychotherapeutische Behandlung innerhalb von vier Wochen! Wenn dies auch für die Psychotherapie gelten würde, dann hätte man zusätzlich hunderte Stellen für die kassenärztliche psychotherapeutische Versorgung ausschreiben müssen. Dies ist nicht geschehen und legt damit den Verdacht nahe, dass mit dieser Sprechstunde ein Etikettenschwindel betrieben wird, in Wahrheit Geld gespart und die Versorgung nicht verbessert sondern nur auf Effiziens getrimmt werden soll. Denn im Anschluss an die Sprechstunde kann eine Behandlung, sofern sie notwendig ist, natürlich auch wie bisher von den meisten Therapeuten nur mit langer Wartezeit angeboten werden. Es sei denn, möglichst viele Patienten können an andere Institutionen verwiesen werden und “brauchen” gar keine Psychotherapie. Das trifft nach meiner Erfahrung eher auf wenige Ausnahmen zu. Die Wartezeiten werden sich nun im Gegenteil noch verlängern, da alle Psychotherapiepraxen zwei Sprechstunden pro Woche anbieten müssen und entsprechend weniger Zeit für die Behandlungen zur Verfügung haben. Dennoch begrüße ich grundsätzlich die Einführung dieser psychotherapeutischen Beratungsleistung, die man übrigens auch besser genau so benannt hätte. Denn: ja, gesprochen haben wir schon immer.

Burnout:

„Burnout“ ist zwar keine Diagnose, aber eine gelungene Beschreibung einer psychovegetativen Erschöpfung in einer Kultur der Leistungsorientierung, der stetigen Leistungsverdichtung im Berufsalltag und Beschleunigung auch der privaten Lebensumstände. Denn wer ausgebrannt ist, der hat auf jeden Fall auch mal für etwas gebrannt. Der Begriff trägt wesentlich zur Entstigmatisierung psychischer Störungen bei. Gemeint ist eigentlich eine sogenannte reaktive psychische Störung, eine Reaktion auf eine besondere Belastung, ohne die eine solche Störung nicht aufgetreten wäre. Oft verbirgt sich dahinter allerdings eine depressive Erkrankung. Und auch dabei gilt: es finden sich so viele Formen von Depressionen, wie es Menschen mit Depressionen gibt. Durch Offenbarungen von Personen des öffentlichen Lebens in jüngerer Zeit sind die Begriffe Burnout und auch Depression populär und besprechbar geworden. Dabei werden die Unterschiede insbesonder der Krankheitsentstehung natürlich nicht immer deutlich. Die Differenzierung zwischen beiden Krankheitskonzepten ist für eine Behandlungsindikation und -planung jedoch wichtig.

Störungen im Kontext besonderer Sexualpräferenzen und Geschlechtsinkongruenz:

Die Stigmatisierung von Menschen mit bestimmten sexuellen Neigungen oder Sexualpräferenzen (Homosexualität, Bisexualität, BDSM,…) und Menschen, die sich nicht oder nicht nur mit ihrem biologischen Geschlecht identifizieren (Transsexualität, Transidentität, Transgender) ist trotz wachsender Toleranz in westlichen Gesellschaften weiterhin spürbar. In nicht wenigen Ländern, selbst in Europa werden manche sexuelle Neigungen noch immer strafrechtlich verfolgt. Die 2022 gültig werdende ICD 11 ersetzt den Begriff der “Störung der Geschlechtsidentität” mit dem der “Geschlechtsinkongruenz”. Damit wird endlich das Phänomen nicht mehr als Störung sondern als Normvariante bewertet. Im Kontext besonderer Sexualpräferenzen oder Genderinkongruenz können natürlich psychische Störungen durch mangelnde Selbstakzeptanz, Unverständnis des sozialen Umfeldes, Ängste vor der Entdeckung oder Konflikte mit dem Sexualpartnern entstehen. Sich in einer Psychotherapie zu offenbaren, löst oft die Angst aus, der Therapeut könnte nicht am persönlichen Konflikt arbeiten wollen, sondern die sexuelle Neigung oder Transsexualität selbst in Frage stellen oder pathologisieren. Es gehört zu unserer therapeutischen Grundhaltung bewertungsfrei und empathisch mit jeder Identität, Lebensart, Vorliebe und Glauben umzugehen.